Das Fachbuch zum Spiel

Eine Rezension von Doreen Asbrock

KONTEXT
Zeitschrift für Systemische Therapie und Familientherapie
Bielefeld
Ausgabe 46,1 – April 2015

Tillmetz, E. (2014)

Balanceakt Familiengründung.
Paare begleiten mit dem »Regensburger Familienentwicklungsmodell«

Stuttgart: Klett-Cotta; 248 Seiten; 28,95 €

»Ihr Kind betritt die Bühne des Lebens – und schlagartig, von einem Tag auf den anderen verändert sich nahezu alles.« Die neu geborenen Eltern befinden sich in einem »Gefühlskarussell voll ungeahnter Emotionen« und das Familien-Mobile wird kräftig aufgewirbelt – nicht selten mit der Konsequenz, dass Paare sich durch diesen radikalen Wandel zweiter Ordnung komplett überfordert fühlen und Unterstützung in Beratung beziehungsweise Therapie suchen.

An diesem Punkt setzt Eva Tillmetz in ihrem vierten Buch an und stellt auf der Grundlage ihrer reichhaltigen Erfahrungen als systemische Paar-, Familien- und Lehrtherapeutin das Regensburger Familienentwicklungsmodell vor. Im Kern handelt es sich dabei um eine strukturierte Visualisierung der zentralen Lebensfelder einer Familie vor und nach der Geburt des ersten Kindes. Mit klassischen Materialien (Filzplatten, Holzfiguren, Symbolen) kann das jeweilige Paar systematisch entdecken, an welchen Stellen ihr System aus der Balance geraten ist, welche Emotionen und Kognitionen im Vorder- und Hintergrund wirken, welche Zeit- und Energiefresser zur erlebten Belastung führen etc. Auch der Geldfluss und die damit zusammenhängenden Ambivalenzen (z.B. Spagat zwischen Familie und Beruf oder Rollenaufteilungen) werden berücksichtigt. Durch diese Auseinandersetzung soll es dem Paar gelingen, wieder in einen konkreten Kontakt mit seinen Lebensfeldern und Ressourcen zu kommen und neue Handlungsräume zu eröffnen, um eine »für den Augenblick stimmige Familienbalance« zu finden.

Bei der detaillierten und lebendigen Darstellung der einzelnen Lebensfelder sowie der didaktisch hervorragenden Veranschaulichung von therapeutischen Interventionen anhand von Fallbeispielen gelingt es der Autorin, komplexe Zusammenhänge sehr übersichtlich zu gliedern, ohne die Wechselwirkungen außer Acht zu lassen. Dabei ist Eva Tillmetz auch erfrischend undogmatisch und geht auf verschiedene Interventionsrichtungen ein. Die Fülle der Informationen (inklusive Beispielfragen und Praxismaterialien) bildet einen hilfreichen Werkzeugkoffer für beratend und therapeutisch Tätige – insbesondere dann, wenn sie noch nicht über eigene jahrelange Praxiserfahrung bei der Begleitung von jungen Eltern verfügen. Einziges Manko des Modells ist die für Beratungs- und Therapiekontexte durchaus typische Fokusverengung auf beruflich erfolgreiche Paare, die sich bewusst für die Familiengründung entscheiden und bei Schwierigkeiten motiviert und fähig sind, diese zu reflektieren.

Der Aufbau des Buches erlaubt auch ein zielgerichtetes Nachschlagen. So werden im ersten Kapitel zunächst der Kontext für die Familiengründung in der heutigen Zeit skizziert und die wesentlichen Elemente gelungener Elternschaft dargestellt. Dabei geht Eva Tillmetz unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Studien auf die strukturellen und psychischen Veränderungen durch die Geburt des ersten Kindes ein und beschreibt wertfrei die Vielfalt der Lebensentwürfe und Rollenverteilungen. Lediglich bei der Darstellung der Bindungsentwicklung bezieht sie ganz klar Position und appelliert: »Trau dich, ganz für dein Kind da zu sein, geh deinem Gespür nach! In den ersten Lebensmonaten kann man kein Kind verwöhnen!«. Besonderen Stellenwert erhält das Konzept des Elternteamwork. Mit Falldarstellungen, in denen auch dysfunktionales Kommunikations- und Kooperationsverhalten ressourcenorientiert und wertschätzend veranschaulicht wird, illustriert Eva Tillmetz die Grundelemente einer gelingenden Elternschaft, die im Idealfall selbst bei einer Trennung des Paares Bestand hat.

Im zweiten Kapitel schildert die Autorin transparent die Entwicklung des Modells, welches dann im dritten Kapitel ausführlich beschrieben wird. Anschießend werden im vierten Kapitel Anwendungsmöglichkeiten des Modells vorgestellt (z.B. Elternseminare); dabei wird das Praxisfeld der Paarberatung und -therapie in Kapitel fünf noch einmal gesondert betrachtet und auf besondere Familienkonstellationen bezogen (z.B. Binationalität, Ein-Eltern-Familien). Kapitel sechs beschäftigt sich mit dem Spiel »FIB – Familie in Balance« (siehe Rezension in diesem Heft), welches aus dem Regensburger Familienentwicklungsmodell entstanden ist und Eltern die Möglichkeit gibt, selbstgesteuert und auf sehr spielerische Art, das »Abenteuer Familie« zu meistern. Abschließend wird im siebten Kapitel das Potenzial des Modells aufgezeigt, Paare auch in späteren Familienphasen (z.B. bei Patchworkfamilien) hilfreich zu begleiten.